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„Drown every truth in an ocean of lies“ – mit dieser Zeile beginnt die bereits im Spätsommer veröffentlichte Single der amerikanischen Rockband Evanescence, die mit ihrem Debüt „Fallen“ aus dem Jahr 2003 den Durchbruch schaffte. Das Video zu „Use My Voice“ macht mit einem dezenten Kameraschwenk über das Weiße Haus deutlich, wie das gemeint ist. Und es stimmt ja auch: Der Satz trifft die Taktik eines Donald Trump und den Websites, die ihn pushen, sehr gut. Mit dieser Kampfeslust geht es weiter: „Label me bitch because I dare to draw my own line“, singt Amy Lee und weiß vermutlich, dass sie mit diesem Song ein paar Fans vergraulen wird. Immerhin standen Evanescence eher für emotionalen, hymnischen, harten Rock mit Gothic-Einschlag und nicht für explizit politische Statements. Das ist nun anders, wie man „Use My Voice“ anhören kann. Dem amerikanischen Rolling Stone sagte Amy Lee dazu: „Ich habe inzwischen das Selbstbewusstsein, dass die Leute meine Meinung hören sollen.“ Amy Lee bezieht das nicht nur auf ihre Songs: Auch in Interviews und den sozialen Netzwerken kritisierte sie immer wieder Donald Trump, stellte sich der #BlackLivesMatter-Bewegung an die Seite und erzählte von ihren sexistischen Erlebnissen in der Musikindustrie. Zu „Use My Voice“ inspirierte sie vor allem der Prozess um einen sexuellen Übergriff an der Stanford University, wie sie in der Sendung „CBS This Morning“ erzählte. 2015 vergewaltigte der 19jährige angebliche Musterschüler und Sohn aus gutem Hause Brock Allen Turner eine bewusstlose junge Frau auf einer Party. Der Prozess und die Medienberichterstattung legten auf erschreckende Weise offen, wie systematisch sexistisch gegenüber den Opfern und psychologisch belastend so ein Prozess ist. Chanel Miller, die während des Prozess zu ihrem Schutz als Emily Doe anonymisiert wurde, ergriff später auf eindrucksvolle Weise die Stimme und gab am Ende des für sie demütigenden Prozesses, in dem vor allem ihre Glaubwürdigkeit attackiert wurde, ein Statement ab, das  sich im Internet wie ein Lauffeuer verbreitete. Später veröffentlichte Miller das Buch „Know My Name“, dass wirklich jeder Vater seinen Söhnen zum Lesen geben sollte.
Es bleibt spannend, ob „The Bitter Truth“, das am 26. März erscheint, diesen Weg auch in den anderen Liedern gehen wird. Vorab veröffentlichte Songs wie „Yeah Right“ und „The Game Is Over“ legen das nahe und das Label sagt, es sei eine „von Gitarren angetriebene Sammlung von Songs, inspiriert von den Realitäten des 21. Jahrhunderts und dem Zustand unserer Welt.“ Es ist übrigens das erste Album mit neuen Songs seit fast zehn Jahren, denn „Synthesis“ war ein Album mit neuen Versionen alter Songs. Schön, dass Evanescence also nicht auf der Stelle treten. 

Das offizielle Video