"The Day Is My Enemy" - Das neue Album der Briten

The Prodigy

In der Nacht spricht die Großstadt ihre ganz eigene Sprache. Sie teilt sich uns durch urbane Geräusche wie gleichförmiges Brummen oder chaotische Krachkaskaden mit. Die unsichtbare Stadt mitten in der Stadt, die irgendwo im Schatten der dauerbetäubten, modern-überstylten City-Gebiete existiert. Das nächtliche Herz, das im Rhythmus ganz verschiedener Schläge pulsiert: Ob im Takt einer zerstörten Military-Snare, eines verzerrten Breaks, eines gestörten Dub-Signals, eines fernöstlich klingenden Refrains oder einer ganzen Kakophonie sich überschneidenden Autoradiogewirrs – eine nokturne Symphonie willkürlichen Zufallslärms; der Soundtrack eines Lebens am Ende der Nacht. Da, wo sich alles Menschliche in dunkle Ecken zurückgezogen hat; die Kapuzen tief im Gesicht und der Blick nach unten, während man nur in geheimen Gesten miteinander kommuniziert. Dort, wo die Stadtfüchse in der gespenstischen Dunkelheit der nächtlichen City auf die Jagd gehen, sich durch den Müll des zu Ende gegangenen Tages wühlen und sich nehmen, was sie brauchen. Furchtlos, unbehelligt, vogelfrei, unantastbar... So wie The Prodigy.

The Prodigy
© Paul Dugdale

Auf ihrem neuen Album „The Day Is My Enemy“ nehmen The Prodigy die Hörer mit auf einen Trip: Eine Reise durch die unerforschten Schattenseiten des urbanen Nightlifes, in dem ein Energiestrom aus reiner Wut und Aggression unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt. Ständig bereit, mit voller Wucht zu explodieren. „Ich kann gar nicht so genau sagen, warum diese Platte so wütend geworden ist“, so The Prodigy-Soundtüftler Liam Howlett. „Ich denke, Aggressionen sind einfach ein Teil von mir. Es geht mehr darum, was der Effekt meiner Musik sein soll. Ich habe Musik immer schon als eine Art Angriff betrachtet. Dafür benutze ich meine Musik: Als Attacke. Der Plan war nicht, dass sich das Album brutal anhören müsste; es ist lediglich das Klangergebnis, wie es sich über vier Jahre aufgestaut hat. `Anger is an energy` - diese Lyriczeilen habe ich extrem verinnerlicht. Diese ganz besondere Hochspannung ist schon vom ersten Ton in die Musik eingebettet. Es ist extrem wichtig, dass der Sound dem Hörer einen gewissen Eindruck von Gefahr vermittelt. Genau darum geht es bei The Prodigy.“

Wobei Liam Howlett, Keith Flint und Maxim im Grunde absolut keinen Grund hätten, über die Maßen wütend zu sein. Im Gegenteil: Schon seit nunmehr 25 Jahren bahnen sich The Prodigy ihren ganz eigenen Pfad durch die Electronic Dance Music. Mit fünf genre-prägenden Longplay-Meilensteinen wie dem 2009 releasten „Invaders Must Die“ und seinen mitreißenden High Energy-Liveshows gehört das britische Trio zu den erfolgreichsten und spannendsten Electro-Formationen der Welt. Eine Formation, die sich ständig weiter entwickelt und unzählige Künstler inspiriert und beeinflusst hat. Und niemand würde es auch nur wagen, mit der Wimper zu zucken, wenn die Band nach so langer Zeit auf Nummer sicher gehen und ein waschechtes Mainstream-Album mit in die US-Charts schielendem Massen-EDM veröffentlichen würde, auf dem man ihre fette Altersrente aus jedem verdammten Beat heraushören könnte. Genau das tun Künstler doch, wenn sie eine gewisse Phase ihrer Karriere erreicht haben. Oder?

Vielleicht. Doch jeder, der von The Prodigy auch nur die leisesten Ansätze in Richtung Mainstream-Anbiederung vermutet, der hat bisher offenbar gar nichts von der ideologischen Electro-Reaktionärshaltung der Briten verstanden. Mit „The Day Is My Enemy“ überschreiten die Herren Howlett, Flint und Maxim die Grenzen jeder Erwartungshaltung mit diebischem Vergnügen um ganze Klangwelten. Wie eine verschlagene Teenagergang, die sich leidenschaftlich darüber streitet, welches Auto wohl den schnellsten Motor hat, um es schließlich aufzubrechen und mit bis zum Anschlag durchgetretenem Gaspedal in die Nacht zu entkommen.

The Prodigy - Wild Frontier


The Prodigy -- Wild Frontier - MyVideo

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