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Home > Musik > Album der Woche > Artikel


© Major Records
Foto: © Major Records

Nitzer Ebb - Industrial Complex

Nitzer Ebb
Industrial Complex
(Major Records)
VÖ: 22. 1. 2010

Total Body Workout

„Don’t call it a comeback“. Die Kernaussage, die der einstige Rap-Mega- und heutige TV-Serienstar LL Cool J mit „Mama Said Knock You Out“ in Stein meißelte, passt auch auf die britische Formation Nitzer Ebb - und dann doch wieder nicht. Denn die Electronic Body Music (EBM)-Legende, die von Anfang der 80er bis über die Mitte der 90er Jahre hinaus die Entwicklung der elektronischen Musik und damit Spielarten von Industrial über Electric Gothic bis hin zu Techno beeinflusste, ist schon seit 2006 wieder aktiv. „Industrial Complex“ aber, das sechste reguläre Album des Trios, ist die erste Veröffentlichung seit der Reunion. Und ist – um im Bild zu bleiben, ein musikalischer Knockout der Ultraschwergewichtsklasse.

© Major Records
Foto: © Major Records

Keine Altersmilde

Jede Befürchtung, die Band könnte so etwas wie Altersmilde walten lassen, wird schon im Keim erstickt. Schon der Opener „Promises“ erinnert mit seiner knochentrockenen Härte an die unbestrittenen Highlights der Bandgeschichte. An Tracks wie „Isn’t It Funny How Your Body Works“ oder „Let Your Body Learn“. Programmtische Stomper, die Mitte der 80er Jahre EBM nicht nur per Titel definierten, sondern purer Rhythmus waren. Nackte, elektronische Hochgeschwindigkeits-Beats produzierten durch loopartige Repetition im Ansatz so etwas wie eine Melodie und brachten jede Punk-Disco zum Kochen. Ganz deutlich beeinflusst auch von deutschen Bands, wie der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, D.A.F., oder den Krupps, aber auch vom New Yorker Disco Sound, avancierten Nitzer Ebb schnell zum Kultact. Welchen Ruf die Band bis heute genießt, beweist nicht zuletzt die seit 1987 währende Freundschaft zu Depeche Mode. So tourt man zurzeit, zum ersten mal seit der 1990er DM-„World Violation Tour“, gemeinsam durch Europa. Im Gepäck: „Industrial Complex“. Und zweifellos dürften „Promises“, aber auch das nicht nur dank der Backing Vocals von Martin L. Gore an Depeche Mode erinnernde, furios- scheppernde „Once You Say“, das treibende „Payroll“, das stakkato-artige „Down On Your Knees“ oder das knallende „Kiss Kiss Bang Bang“ alte Fans ebenso begeistern wie diejenigen, die nur für Gahan und Co. kommen.

Ein Hauch von echter Melodie

Aber es gibt auch eine deutliche Weiterentwicklung zu entdecken.
Während Nitzer Ebb wenigstens zu Beginn ihrer Karriere nur eine Gangart kannten, Vollgas, ist man längst auch in der Lage, das Tempo zu variieren, wie bei „Hit You Back“. Bei „Going Away“ könnte man glatt von einer, wenn auch sehr düsteren Elektro-Ballade, bei „Never Known“ von einem hypnotischen Elektro-Blues sprechen. Zudem gestattet man sich nun auch im Highspeed-Modus, wie bei „Promises“ eine echte, wenn auch hochzarte und nicht nur vom Powerbeat getriebene, echte Melodie. Was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass Sänger Douglas McCarthy seine Slogans dem Volk nicht mehr nur mit der Dampframme einhämmert, sondern ansatzweise tatsächlich singt. Zusätzliches Schmankerl: Die Deluxe-Edition von „Industrial Complex“ wartet, je nach Format, mit bis zu neun Remixes auf. Highlights: Das dramatische „I Am Undone“ in der Bearbeitung von Ex-Depeche Mode Alan Wilder und der an Frankie Goes To Hollywood erinnernde People Theatre Remix von „Once You Say“.

Autor: Andreas Kötter

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